Von Pacha Mama und Pachamanca

„Hola Panda, Vamos!“, rief Max fröhlich als er zusammen mit Paco den Panda am nächsten Morgen in einem Jeep abholte. Der Panda blinzelte noch etwas müde, denn er hatte seine morgentlichen Kaffeekirschen noch nicht verspeist. Doch kaum holte er sie aus der Tasche, grinste Max und langte nach einem schmalen Thermo-Trinkbehälter, der in der Mitte des Jeeps einen unsicheren Platz hatte. „Ich weiß doch, dass du am Morgen immer müde bist. Hier habe ich eine gute und köstliche Lösung für Dich gefunden. Hast Du schon einmal Cascara getrunken – unseren Kaffeeblütentee?  Ich habe heute Morgen extra einen für dich aufgebrüht. Er schmeckt köstlich und macht topfit. In den USA gilt er als Modegetränk, aber bei uns hat er seinen Ursprung. Da sein Koffeingehalt um einiges höher ist als eine vergleichbare Menge Kaffee, wird er dir bestimmt einen guten Energiekick verleihen. Wir legen in der Asociación großen Wert auf Nachhaltigkeit – und die Wirtschaftlichkeit der Kaffeepflanze erhöht sich, da wir Schalen und Fruchtfleisch ebenfalls verwenden. Es ist eine tolle Lösung, denn der Kaffeekirschentee schmeckt wirklich köstlich. Er hat ein süßes, intensives Aroma mit feinen Noten von Hagebutte, Birne und Kirsche und ist frei von Zusatzstoffen. Aber jetzt probiere einfach einmal. Ich bin gespannt auf deine Meinung“. Max goss den Kaffeekirschentee in den integrierten Becher seines Trinkbehälters und reichte diesen dem Panda. Dieser war so fasziniert, dass er gar nicht merkte, dass Paco es sich auf seinem Schoß bequem machte. Behaglich rollte sich das kleine Hündchen  zusammen und fühlte sich geborgen, während der Panda sich gedanklich auf den Genuss konzentrierte. Neugierig trank er den ersten Schluck und seine Augen begannen zu glänzen. Er schloss die Augen um die Aromen-Vielfalt völlig auszukosten und strahlte über das ganze Gesicht, als er sie wieder öffnete. „Oh wie köstlich“, schwärmte der Panda. „Da hast du mir eine riesengroße Freude gemacht“, ab heute gehört Kaffeeblütentee genau zu meinem neuen Leben wie Kaffee. „Wie werden meine Freunde doch staunen, wenn ich wieder zu Hause bin und ihnen alles erzähle. Ich merke schon wie wach und munter ich werde. Jetzt bin ich richtig fit und voller Reiselust“. „Dann lass uns starten“, lachte Max und warf den Motor an. „Gleich wird die Luft klar und die Vegetation ändert sich vollkommen. Wir fahren über die Anden und erreichen dabei eine Passhöhe von 4800 m. Die Anden sind unsere erste Etappe. Von dort aus geht es auf der Amazonasseite spektakulär nach unten. Über Tarma reisen wir nach La Merced, wo wir in einem kleinen landestypischen Hotel übernachten. Hier lassen wir den Tag gemütlich ausklingen, bevor wir am nächsten Morgen gestärkt nach Miguel Grau weiterfahren. Es ist eine tolle, abenteuerliche Reise. Du wirst viel sehen und wir können praktisch durchfahren. Dies ist ein großer Vorteil und beileibe keine Selbstverständlichkeit. Früher war dies ein nur schwer vorstellbarer Luxus. Das Dorf Miguel Grau entstand, da die Regierung von Peru im Jahr 1969 den Bauern im Umland von Miguel Grau Land schenkte. Wer wollte, bekam ein Dokument und einen Plan auf dem sein Grundstück eingezeichnet war. Etwa 20 Kolonisten nahmen das Angebot an und gründeten den Ort Miguel Grau. Damals mussten die ersten Familien auf einem Trampelpfad zu Fuß, schwer beladen mit Lebensmitteln und Kochutensilien, die Hänge der Anden erklimmen.  Die Kolonisten begannen Kaffee anzubauen, indem sie den Urwald mit Macheten und Äxten rodeten und Kaffeebohnen direkt in die Erde steckten. Die harte Arbeit über Jahrzehnte trug Früchte, wurde ständig verfeinert und optimiert – und  führte zur Gründung der „Asociación de Agricultores Grano de Oro Miguel Grau, die mit ihrem Präsidenten Mauro Vigo einen sehr engagierten Leiter besitzt. Bald sind wir ja da, lass dich überraschen“.

Max hatte nicht zu viel versprochen. Die Reise war genau wie er gesagt hatte, äußerst vielseitig, abenteuerlich, aber auch entspannt. Unvergesslich war die Fahrt durch die Anden mit ihrer einzigartigen Vegetation. Zwischendurch erfrischten wir uns an einem kleinen Wasserfall und kurz darauf erreichten wir auch schon unser Ziel, mitten im peruanischen Dschungel.  Freudig wurden wir begrüßt und auch Paco, der fast die ganze Reise zusammengerollt auf Pandas Schoß verbrachte, wurde von einem kleinen Rudel freilaufender Hunde freudig bellend empfangen. Schon direkt nach dem Aussteigen hob der Panda verzückt die Schnauze gen Himmel. Er roch einen wunderbaren Duft, der ihn magisch anzog. Das intensive Aromenspiel von frisch geröstetem Kaffee. Er war praktisch im Paradies. „Immer der Nase nach Panda“, rief Max, der sich sichtlich über die offensichtliche Begeisterung des großen Bären freute. „Der Kaffee-Duft führt dich direkt in unsere Rösterei. Von dort aus transportieren wir unseren Pacha Mama  über die 4800 Höhenmeter, die du ja gerade hinter dir hast, nach Lima. Von Lima aus wird das Schwarze Gold und unser großer Stolz nach Hamburg verschifft. Nach der Besichtigung der Rösterei werden wir durch die Kaffee-Plantage wandern. Hier kannst du vor Ort sehen wie schonend und sorgsam unsere Arbeiter den Kaffee von Hand ernten. Anschließend haben die Mitglieder der Asociación eine Überraschung für uns geplant. Du bist doch ein Gourmet-Bär. Da wirst du heute noch richtig auf deine Kosten kommen“. Und so war es dann auch. Nach einem höchst aufregenden Tag und unglaublich vielen Tassen köstlichsten Pacha Mamas führte Max den Panda zu einem Teil der Asociación, der an ein außergewöhnliches Freiluft-Restaurant erinnerte. Wieder durchzog ein unglaublich intensiver, würziger Duft die Luft, der den Panda daran erinnerte, dass er richtig großen Appetit hatte. Auf gemütlichen Holzbänken saßen viele Mitglieder der Asociación, die die Gäste freudig in ihrer Mitte aufnahmen. Pedro, der den Panda einige Stunden durch die Asociación geführt hatte, hielt sogar eine kleine Rede und betonte wie sehr sich alle freuten, dass Max wieder hier ist und so einen außergewöhnlichen Gast aus dem fernen China mitgebracht hat. „Euch zu Ehren haben wir eine Pachamanca zubereitet“, rief er seinen Gästen zu. „Dies ist ein Eintopf, den wir traditionell im Erdloch zubereiten. Normalerweise gibt es bei uns die Pachamanca nur am Sonntag. Dieser Eintopf wurde vom Institut INC (Nacional de Cultura del Perú) als nationales Kulturerbe ausgezeichnet – und wir lieben ihn alle sehr. Dabei ist unsere Pachamanca auch ein echtes Stück unserer Kultur, denn die Herkunft dieser Speise lässt sich bis in die Zeit der Inkas zurückverfolgen“. Die Reaktion des Pandas ließ nicht lange auf sich warten, voller Rührung schloss er Pedro in seine starken Bärenarme. Er bedankte sich bei allen und schon bald ließ er sich den köstlichen Eintopf schmecken und die vielen anderen Köstlichkeiten, die traditionell in Bananenblättern umwickelt serviert wurden. Leider war am nächsten Morgen die Zeit des Abschieds gekommen und dieser fiel dem Panda sichtlich schwer. Hatte er in Peru doch nicht nur köstlichste Kaffee-Spezialitäten entdeckt, sondern auch gute Freunde gefunden. Sogar Paco wird er vermissen. Bevor er in den frühen Morgenstunden dann in den Jeep stieg, den Max für ihn organisiert hatte, musste er stark schlucken. Ein Teil seiner Seele würde immer hier bleiben – aber die Welt ist groß und er wollte ja sein Kaffee-Wissen erweitern. Da er nicht wollte, dass die vielen liebgewonnenen Menschen seinen Gefühlsausbruch sahen, die ihn so herzlich verabschiedeten, schloss er kurz die Augen. Danach winkte er seinen neuen Freunden mit beiden Armen zu und stieg in den Wagen – neuen Kaffee-Abenteuern entgegen.

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